Die Macht der Berührung

Text von Julia Dietz

Warum unsere Seele mit der Haut in Verbindung steht

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Ein In-den-Arm-nehmen hier, ein Händeschütteln da, dazwischen
der Gang zum Masseur oder Friseur. Berührungen begegnen uns im Alltag überall. Sie beugen Stress vor, können das Schmerz-empfinden herabsetzen und machen uns schlicht glücklich.

Und doch: Unsere Gesellschaft wird immer berührungsärmer. Im hektischen Alltag bleibt oft keine Zeit mehr für eine Umarmung oder eine wärmende Geste. Aber was tun die Menschen gegen diesen Mangel?

Der Instinkt für Berührungen ist vielen Lebewesen gemein. Instinktiv nehmen wir weinende Kinder auf den Arm, streicheln ihnen über den Kopf. Aber auch im Tierreich kann man beobachten, wie sich Affen liebkosen, oder wie Katzenmütter ihre Jungen ablecken. Jedes Streicheln, jede Massage, so belegen Studien, beeinflusst unseren Hormonhaushalt. Und fast jede Berührung wirkt sich positiv auf unseren Körper aus.

Haut als Spiegel der Seele

Fünf Millionen Sinneszellen verteilt auf circa zwei Quadratmeter – das bildet unser größtes Sinnesorgan: die Haut. Sie schützt uns vor äußeren Einflüssen, bildet eine Hülle zwischen Innen- und Außenwelt und ist oft auch ein Spiegel der Seele. Viele Hautkrankheiten lassen sich auf seelische Probleme zurückführen. Angst verursacht oft übermäßiges Schwitzen, Ekel ruft Herpes hervor und Stress kann bestehende Hauterkrankungen wie Neurodermitis verstärken.

Fünf Prozent aller Hautärzte in Deutschland haben den Zusatztitel Psychotherapeut. Auch in Gießen setzt sich Professor Uwe Gieler mit der Verbindung zwischen Psyche und Haut auseinander und kommt zu einem klaren Ergebnis: „Jeder Mensch braucht Berührungen“. Sie seien ein Grundbedürfnis wie Atmen, Nahrung oder Wasser. Hat man sie nicht, dann stirbt man zwar nicht unmittelbar, aber man beginnt, langsam zu verkümmern, erst emotional, dann körperlich. Oft suchen sich Menschen dann Ersatzbefriedigungen im Konsum – was aber auf lange Sicht gesehen, die Berührung nicht ersetzen kann.

Was tun gegen Berührungsarmut?

Es gibt aber auch andere Möglichkeiten, den Mangel an Berührungen auszugleichen. Manche Menschen gönnen sich eine Massage, um einmal die wohltuenden, warmen Hände des Masseurs auf ihrem Körper zu spüren. Entspannung ist dabei garantiert und zugleich wird der Berührungs-Akku wieder aufgefüllt. Doch besonders bei alten Menschen sind Berührungen eher selten.

umarmungMan kennt die Geschichten von älteren Damen, die eigentlich gesund sind, aber regelmäßig ihren Hausarzt aufsuchen. Oft sind diese Arztbesuche die einzige Zuwendung, die sie als alter, alleinstehender Mensch bekommen.

Dass man Berührungen auch mit einem richtigen Event verbinden kann, zeigt dagegen eine Entwicklung, die vor allem in Städten zu finden ist. Veranstaltungen wie „Kuschelpartys“ oder die „Free Hugs-Campaign“ verdeutlichen, dass das Bedürfnis nach Berührungen groß ist. Fremde Menschen verabreden sich da, um auf Fußgängerzonen kostenlose Umarmungen (=Hugs) auszutauschen. Wieder andere treffen sich unbekannterweise zum gemeinsamen Kuscheln. Sexuelle Hintergedanken sind unerwünscht. Es geht lediglich um den Austausch von Berührungen. Da wird gekuschelt und umarmt, gedrückt und gestreichelt. Und hinterher berichten die Teilnehmer von Glücksgefühlen und tiefer Zufriedenheit.

Berührungen als Medizin

Aber auch in der Medizin hat man längst die positiven Wirkungen von Berührungen erkannt. In zahlreichen Studien wurde nachgewiesen, dass eine als angenehm empfundene Berührung die Ausschüttung des Hormons Oxytocin bewirkt. Dieses Hormon wird auch beim Stillen und während des Orgasmus ausgeschüttet. Es bewirkt nachweislich eine Senkung des Schmerzempfindens und baut Stress ab.

Eine Berührungstherapie kann deshalb fast als Medizin eingesetzt werden. Eine Dreiviertelstunde einer solchen Therapie täglich stärkt beispielsweise schon nach vier Wochen das Immunsystem von Aidskranken. Alzheimerpatienten können nach einer regelmäßigen Massage-Therapie ihre Gedächtnisleistung erhöhen. Und Frühgeburten, die täglich längere Zeit auf dem nackten Bauch ihrer Eltern liegen, wachsen schneller und legen besser an Gewicht zu als andere Frühchen. Berührungen sind also nicht nur gut für die Seele, sie stärken auch den Körper und machen auch ganz nebenbei einen anderen Menschen glücklich – denn zum Berühren gehören ja immer zwei.